Alleinerziehend. Aus dem Ausland. Alleingelassen. Die harte Realität ausländischer Pflegefachkräfte

Alleinerziehend. Aus dem Ausland. Alleingelassen. Die harte Realität ausländischer Pflegefachkräfte

 

Ich arbeite als Trainerin für interkulturelles Verständnis in der Pflege – in Einrichtungen, mit Teams und Führungskräften. Dabei begegne ich Menschen, ohne die unser Pflegesystem längst dysfunktional wäre.

Was mich persönlich bewegt, ist die Lebenssituation ausländischer, alleinerziehender Pflegefachkräfte. Mütter.

Die Pflege in Deutschland wird schon heute zu einem großen Teil von Menschen aus dem Ausland getragen. Laut Mediendienst Migration kamen 2024 fast 18 % der Pflegefachkräfte aus dem Ausland. Seit 2022 wächst die Pflege ausschließlich durch ausländisches Personal. Ohne diese Menschen gäbe es längst flächendeckende Versorgungslücken.

Etwa 65 % dieser Pflegekräfte stammen aus Drittstaaten – rund 200.000 Menschen, davon etwa 80 % Frauen. Was wir nicht wissen – weil es keine belastbaren Daten gibt –, ist, wie viele dieser Frauen bereits alleinerziehend waren, als sie nach Deutschland kamen. Frauen mit Kindern. Frauen mit Verantwortung. Frauen, die ihre Kinder nicht in ihrem Herkunftsland „zurücklassen“, sondern irgendwann bei sich haben möchten. Ich kenne genug davon.

Für verheiratete Pflegefachkräfte ist der rechtliche Weg klar: Ehepartner und Kinder können nachkommen. Zwei Erwachsene versorgen in der Fremde die Kinder, und der Ehepartner kann – mit erweiterten Deutschkenntnissen – ebenfalls arbeiten.

Alleinerziehende Mütter haben diese Möglichkeit nicht.

Und natürlich ist mir sehr bewusst, dass auch andere Familien und Mütter in Deutschland Schwierigkeiten haben können, Arbeit und Familienleben zu vereinbaren. Doch ich bin Trainerin und Coach für ausländische Pflegefachkräfte und habe selbst die Erfahrung gemacht  mit vier Kindern im Ausland zu leben. Aus diesem Grund liegt mein Augenmerk auf diesen Frauen.

Die Realität vieler von ihnen: Sie lassen ihr Kind zunächst im Heimatland – meist in der Obhut der eigenen Mutter oder Schwester. Wenn die Pflegekraft Fuß gefasst und eine Wohnung bezogen hat, reist dieses Familienmitglied für 90 Tage mit einem Touristenvisum nach Deutschland, bringt das Kind mit und betreut es in dieser Zeit. Danach muss sie wieder ausreisen.

Zurück bleibt die Pflegekraft – allein. Mit Kind. In einem Beruf, der Schichtarbeit, Wochenenden und Nachtarbeit verlangt.

Hier stoßen wir an eine harte Wahrheit: Pflege ist mit der bestehenden staatlichen Kinderbetreuung kaum vereinbar. Selbst wenn Kitas zuverlässig funktionieren würden und Ganztagsbetreuung flächendeckend verfügbar wäre, bleibt es praktisch kaum machbar.

Die Folgen sind absehbar:

• Pflegekräfte reduzieren ihre Stunden oder geben den Beruf auf
• Qualifizierte Fachkräfte verlassen Deutschland
• Einrichtungen verlieren engagierte Mitarbeiterinnen, in die sie Zeit, Geld und Einarbeitung investiert haben

Wird der Pflegeberuf langfristig unattraktiv – vor allem für ausländische Fachkräfte –, würden noch mehr Stationen schließen, Pflegeheimplätze weiter reduziert oder ganze Krankenhäuser ihre Türen schließen. Pflege würde immer mehr zum Luxusgut werden.

Wenn wir auch künftig auf Pflegefachkräfte aus dem Ausland setzen – und das tun wir –, müssen wir ihre Lebensrealität mitdenken.

Aus meiner Sicht braucht es deshalb einen erweiterten Familiennachzug für alleinerziehende Pflegefachkräfte. Eine klare, begrenzte, zweckgebundene Lösung – zum Beispiel ein Betreuungsvisum für eine feste Bezugsperson, gekoppelt an die Berufstätigkeit der Pflegekraft.

Was wir brauchen, ist eine pragmatische Antwort auf eine reale Situation.

Pflege darf kein Privileg werden. Kinder sollen gut versorgt sein. Und unsere ausländischen Pflegekräfte sollen mit ruhigem Gewissen arbeiten gehen können – und ihre Zeit mit ihren Kindern genießen.

„Eine Realität, die gesehen werden will – und unsere Aufmerksamkeit verdient.“

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