Zwischen Individualismus und Kollektivismus – ethische Fragen auf Station

Zwischen Individualismus und Kollektivismus – ethische Fragen auf Station

Vor einiger Zeit fragte ich eine Freundin mit Migrationsgeschichte, wie sie und ihre Familie mit dem Thema Sterben umgehen.

Sie sagte mir, dass es für sie das Schönste wäre, wenn ein Mensch – wenn möglich – zu Hause, in seiner vertrauten Umgebung und im Kreis seiner Familie sterben dürfte.

Doch noch etwas anderes war für sie wichtig. Nach dem Tod kommen alle. Nicht nur die direkte Familie, sondern viele Menschen, die Teil der Gemeinschaft des Verstorbenen sind. Gemeinsam Abschied zu nehmen gehört in ihrer Kultur dazu. Im Krankenhaus wäre das kaum möglich. Man möchte den Stationsablauf nicht stören oder den Eindruck erwecken, man halte den Betrieb auf.

Dieses Gespräch hat mich beschäftigt.

Wenn die Frage gestellt wird, wie internationale Pflegekräfte unsere ethischen Grundsätze verstehen und in ihrem Berufsalltag leben können, glaube ich, dass wir uns  zunächst mit einigen anderen Gedanken beschäftigen sollten. 

Für mich beginnt alles mit einer grundlegenden Frage:

Hat ein Mensch überhaupt Raum für Ethik?

Wenn jemand nach seiner Schicht in eine leere Wohnung kommt, weil das Geld für Möbel fehlt, wenn eine Mutter jeden Tag ihr Kind vermisst, das Tausende Kilometer entfernt lebt, und nach der Arbeit einfach schlafen geht, um dieses Gefühl für ein paar Stunden nicht spüren zu müssen, wenn das Leben hauptsächlich aus Arbeiten, Funktionieren und täglichem Durchhalten besteht – ist dann überhaupt die innere Ruhe da, sich mit ethischen Fragestellungen auseinanderzusetzen? Oder geht es in diesem Moment einfach nur ums Überleben?

Vielleicht sollten wir internationale Pflegekräfte deshalb nicht zuerst fragen, ob sie unsere ethischen Leitlinien kennen. Vielleicht sollten wir zuerst fragen:

Wie geht es diesem Menschen eigentlich? Hat er Unterstützung? Fühlt er sich willkommen? Hat er Menschen, die ihm Halt geben?

Denn Ethik braucht mehr als Wissen. Ethik braucht innere Stabilität.

Und vielleicht gilt diese Frage gar nicht nur für internationale Pflegekräfte. Wie viele Menschen arbeiten heute in der Pflege am Limit – erschöpft, überlastet und im Dauerstress? Auch sie haben oft kaum noch Kraft, innezuhalten und sich mit schwierigen ethischen Fragen auseinanderzusetzen.

Zum Beispiel mit Fragen wie:

Was ist in dieser Situation wirklich das Beste für diesen Menschen?

Sollte ich etwas tun, das ich moralisch als schwierig empfinde?

Wie gehe ich damit um, wenn eine Vorgehensweise mit meinen eigenen Werten im Konflikt steht? 

Doch selbst wenn Menschen diese innere Stabilität mitbringen, bleibt noch eine zweite Frage:

Aus welcher Wirklichkeit schauen sie auf die Welt?

Wir in Deutschland sind stark von einem individualistischen Menschenbild geprägt. Selbstbestimmung und Patientenautonomie haben einen hohen Stellenwert. Der Patient entscheidet selbst. Er soll informiert werden und möglichst eigenständig über seinen weiteren Weg entscheiden.

Beides ist für uns selbstverständlich. Tatsächlich ist aber auch die Vorstellung von Autonomie kulturell geprägt. Natürlich erlebt und lebt jeder Mensch seine Kultur auf ganz eigene Weise. Nicht jede Familie und nicht jede Person denkt oder handelt gleich. Der Vergleich zwischen Individualismus und Kollektivismus ist deshalb keine Schublade, sondern lediglich ein Versuch, unterschiedliche Sichtweisen besser zu verstehen.

In vielen anderen Kulturen wird der Mensch dagegen viel stärker als Teil seiner Familie oder Gemeinschaft verstanden. Nicht selten erwarten Angehörige z.B., dass eine schwere Diagnose zunächst ihnen mitgeteilt wird. Nicht, um den Patienten zu bevormunden, sondern um ihn zu schützen. Andere stehen bestimmten medizinischen Maßnahmen zurückhaltender gegenüber, weil das Leben aus einer bestimmten religiösen oder kulturellen Perspektive betrachtet wird.

In kollektivistisch geprägten Kulturen wird das Individuum als Teil eines Beziehungsgefüges verstanden. Der Gedanke „Ich bin, weil wir sind.“ beschreibt diese Sichtweise sehr gut.

Für mich geht es dabei nicht darum zu bewerten, welche Haltung richtig oder falsch ist. Mich interessiert vielmehr, welche Erfahrungen, Werte und Gefühle hinter einer Haltung stehen.

Ich glaube, wir können ethische Grundlagen nicht einfach vermitteln, ohne zuerst den Menschen kennenzulernen. Vielleicht beginnt interkulturelle Zusammenarbeit deshalb nicht mit Antworten, sondern mit Fragen. Und mit der Bereitschaft, die Welt für einen Moment durch die Augen des anderen zu sehen.

Denn erst wenn wir verstehen, aus welcher Lebenswirklichkeit ein Mensch kommt, können wir gemeinsam darüber sprechen, wie ethische Entscheidungen in unserem Gesundheitssystem getroffen werden.

Verstehen ist für mich der erste Schritt. Denn erst wenn wir den Menschen hinter der Kultur kennenlernen, können wir gemeinsam Brücken bauen.

 

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